Rückblick auf die WM-Woche mit 4 x Gold
 
Simone, 18.8.2005
Seit drei Tagen bin ich wieder zu Hause und momentan geht es drunter und drüber bei uns. Das Telefon läuft heiss, Interviewtermine reihen sich aneinander und ich weiss nicht, wie oft ich schon in die Kamera gelächelt habe. Das Lächeln fällt mir natürlich nicht schwer und wer weiss: kann man auch Muskelkater vom Lächeln bekommen?
Fotos: PHOTOPRESS/Yoshiko Kusano
 
Fotos: PHOTOPRESS/Yoshiko Kusano
Bei meiner Ankunft im Flughafen Kloten wurde uns ein einmaliger Empfang bereitet. An diese Begrüssung werde ich mich immer zurückerinnern, es war wunderschön und ging richtig unter die Haut! Auch der Empfang am Dienstag Abend in Münsingen war sehr schön und mit dem geschenkten Stadt-Velo lässt es sich viel einfacher einkaufen! (eine gute Beobachterin kam auf die Idee des Velos: mein altes Stadt-Velo fällt wirklich beinahe auseinander...)
Ich möchte mich nun bei allen, die mich empfangen haben oder mir Glückwünsche gesendet haben, ganz herzlich bedanken. Leider konnte ich nicht mit allen persönlich sprechen, deshalb hiermit ein ganz grosses MERCI an alle.

Nun möchte ich für Euch die WM noch einmal Revue passieren lassen und einige Eindrücke der Läufe erzählen:
Sprint
Der Sprint fand nicht in den Bergen statt wie die übrigen Läufe, sondern unten auf Meereshöhe. Dies bemerkte man vorallem an der grösseren Hitze. Als ich mich nach der Mittagspause in der klimatisierten Turnhalle ans Einlaufen für den Final machen wollte, kam mir bei der Tür eine enorme Hitzewelle entgegen. Ich brauchte einige Minuten, um mich daran zu gewöhnen und schon nach wenigen Metern fing ich an zu Schwitzen. Glücklicherweise hatte es etwas Schatten zum Einlaufen und spätestens zu diesem Zeitpunkt begann ich die grosse Nervosität zu spüren. Ich war mit drei Qualisiegen optimal in die WM gestartet, aber nun sollte es zum ersten Mal so richtig um die Medaillen gehen! Das Kribbeln im Bauch war jetzt deutlich spürbar und ich war froh, als ich endlich zum Vorstart aufgerufen wurde. Nun ging es aber noch einmal 17 Minuten bis zum eigentlichen Start (wir mussten noch eine längere Strecke rennen) und ich nutzte die Zeit um mir meine Ziele in Erinnerung zu rufen: ruhiger konzentrierter Start, mitlesen zum ersten Posten; Zeit lassen für die Routenwahlen und bei den sicheren Passagen Gas geben. Der Startpunkt ist im offenen Gebiet und ich kann schon ins Zielgelände sehen. 13.42, Start! Die Route zum ersten Posten scheint mir klar und ich renne los. Vor dem Bach werde ich unsicher, denn das Weisse auf der Karte ist im Gelände hüfthohes Farn mit vereinzelten Bäumen und ich sehe die Brücke nicht. Als ich zum Bach komme, sehe ich die Brücke weit rechts von mir und ich muss mich durch das Farn zur Brücke kämpfen. Ich ärgere mich über meinen unsauberen Einstieg, dabei hatte ich sicher gut 10 Sekunden verloren! Ich versuchte aber sofort, diese Gedanken zu verdrängen und in der Folge sauber Karte zu lesen. Zu Po 3 und 4 wähle ich möglichst einfache Routen, die auch schnell sind. Das Routenwahlproblem zu Po 5 lässt mich etwas länger überlegen, aber auch hier entscheide ich mich für die einfache Variante. Dabei bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob es wirklich die schnellste ist. Dafür kenne ich bereits den Weg zurück zu Posten 7 und als ich zu Po 8 hinauflaufe, sehe ich die Norwegerin, die vor mir gestartet ist, vorne im offenen Gebiet. Ich vermute dann aber den Posten schon beim ersten Dickicht und muss dann noch etwas steigen zum Posten. Hinter Po 9 steht Willi und nun bekomme ich zum ersten Mal etwas über meinen Stand zu hören. Ich bin froh, als ich meine Führungsposition vernehme und versuche danach, die letzten Posten noch einmal sauber anzulaufen. Die feuchte Hitze macht sich jetzt definitiv bemerkbar und ich kämpfe bis über den Zielstrich. Noch zwei Minuten muss ich warten, bevor es klar ist: ich habe meinen WM-Titel im Sprint verteidigt, GOLD No 1!
Karte WM Sprint 2005
Im Zieleinlauf der Mitteldistanz
Im Zieleinlauf der Mitteldistanz
Middle
dopingkontrolle Am Vortag Abend hatte ich ein leichtes Kratzen im Hals verspürt und Maja, unsere gute Fee (oder Physiotherapeutin)hatte mir einen Salbei-Tee empfohlen. Salbei-Tee trinke ich wirklich nur im Notfall, doch wie sich zeigen sollte, wirkte es sich positiv aus und in der Folge wurde das Tee-trinken zum Ritual, Halsweh hin oder her... (aber mit dieser WM ist dieses Ritual auch abgeschlossen!)
Ich ging mit grossem Selbstvertrauen an den Start. Der grösste Druck war weg, ich hatte bereits eine Goldmedaille gewonnen! 10.26, Start! Zum ersten Po lese ich wieder alles mit und diesmal gelingt mir der Einstieg optimal. Zum vierten Posten schleichen sich die ersten Unsauberheiten ein. Ich laufe etwas zu hoch in den Postenraum und auch beim Weglaufen erwische ich nicht ganz die Richtung. Daselbe beim fünften Posten , als ich unachtsam zum Verpflegungsposten laufe. Dann komme ich wieder besser ins Rennen und als ich von Posten 9 weglaufe, sehe ich vorne Jenny Johannsson (2' vor mir gestartet) und Martina (4') vor mir. Das gibt mir einen zusätzlichen Motivationsschub und schon beim nächsten Po habe ich die beiden eingeholt. Die Steigung zu Po 11 ist hart, doch im Wissen meines guten Laufes kann ich nocheinmal Kräfte mobilisieren. Im Zieleinlauf kommen mir zuerst "hopp Martina"-Schreie entgegen und die Trainer sind etwas überrascht, als ich dann aus dem Wald komme. Im Ziel angekommen bin ich sehr zufrieden mit meiner Leistung. Obwohl ich noch einige kleine Unsauberheiten hatte, so war es doch ein sehr guter Lauf. Nach kurzer Zeit im Ziel denke ich, dass jetzt eigentlich die zwei Minuten, die Minna Kauppi hinter mir gestartet ist, vorbei sein sollte, doch der Speaker bleibt stumm. Bin ich jetzt Weltmeisterin oder noch nicht? Endlich erlöst mich der Speaker, als Minna ins Ziel läuft und sie als Bronzemedaillen-Gewinnerin ankündigt. Wow, GOLD-No 2!
Ein kleiner Faux-pas passiert mir, als ich für die Dopingkontrolle in den Wohnwagen steige: erst als die Frau laut aufschreit, bemerke ich, dass ich die Pantoffeln vergessen hatte, die man immer wechseln muss für auf die Toilette...
Karte WM Middle
Long
Im voraus hatte es wiederum einige Zweifler gegeben, als ich veröffentlichte, dass ich alle Disziplinen laufen würde. Nun wollte ich natürlich zeigen, dass ich es prestieren konnte. Das Wetter war optimal, obwohl es natürlich immer noch sehr warm war. Allerdings strahle die Sonne nicht direkt hinunter, da einige Wolken den Himmel verdeckten. Der Vorstart ist nahe bei der Unterkunft, wo wir im vergangenen November trainiert hatten und einige Erinnerungen kommen auf. Nun gilt es aber ernst:10.24, Start! Der Anfang gelingt gut, ich starte mit einer sicheren Route zum ersten Posten. Das Gelände birgt nichts neues und mittlerweile kann ich das Höhenkurvenbild schnell erfassen und die möglichen Routen abschätzen. Als ich zum fünften Posten hinaufrenne, sehe ich die vor mir gestartete Finnin Heli Jukkola fortrennen. Mein Tempo scheint also zu stimmen! Auf dem Weglein zum sechsten Posten überlege ich mir die Routenwahl 8-9. Wie immer versuche ich nach dem Schema rechts-mitte-links die verschiedenen möglichen Routen zu sehen. Links (in Laufrichtung) scheint mir seh steigungsreich und geradeaus wäre der reinste Horror. Als ich die Route rechts sehe, bin ich sofort überzeugt von dieser Wahl. Nicht allzu viel Steigung, etwas Weg und eine gute Anlaufrichtung zum Posten sind alles positive Faktoren. Auch auf der Route selbst habe ich das Gefühl, einen schnellen Weg gefunden zu haben, ein tolles Gefühl! Es folgen einige happige Steigungen, aber ich merke, dass ich fit bin. Einen kurzen Moment erinnere ich mich an die Japan-Runde, die wir in der Schweiz als Trainingsrunde hatten (im Hubewald, immer auf und ab) und so weiss ich, dass ich gut auf diese Steigungen vorbereitet bin. Bei der Route 13-14 sehe ich zwei Möglichkeiten und beim Posten entscheide ich mich spontan für die Variante im Tal. Die Finnin läuft die andere Route und diese ist etwas schneller, denn ich hole sie erst wieder auf dem Weg zu Po 16 ein. Auch bei der letzten Verpfelgung trinke ich noch einmal zwei Becher, damit ich noch einmal Gas geben kann. die letzten Posten sind nicht mehr allzu schwierig, aber Konzentration ist dennoch gefragt. Als ich in den langen Zieleinlauf einbiege, warte ich gespannt auf die erste Information über den Zwischenstand. Willi zeigt mit dem Daumen nach oben und bestätigt somit mein gutes Gefühl. Mit Bestzeit renne ich über die Ziellinie und warte dann gespannt auf die letztgestaretete Vroni. Ich freue mich riesig, als der Sieg in meiner Lieblingsdisziplin feststeht und die Freude wird noch grösser, als Vroni als Dritte ins Ziel kommt. Die Männer stehen in nichts nach und Marc vervollständigt den Schweizer Medaillensatz mit seiner Silbermedaille. Aber auch David's 4. Rang ist ein Spitzenresultat und am Abend beim Abendessen der PostFinance haben wir einige gute Gründe zum Anstossen! Dass auch die Schweiz mitfiebert, zeigt sich, als der Bundespräsident persönlich mit mir per Telefon Kontakt aufnimmt, wir sind geehrt!
Karte WM 2005 Long
Staffel
Am Ruhetag lasse ich bewusst die Müdigkeit zu und wirklich fühle ich mich am Vormittag ziemlich schlapp. Ab dem Mittag verbessert sich mein Zustand aber wieder, denn ich blicke vorwärts und auf das letzte grosse Ziel, die Staffel. Nach einer erholsamen Nacht, wo ich super schlafe, erwache ich am Morgen mit einem guten Gefühl im Bauch. Wie immer vor einer Staffel bin ich etwas nervöser als sonst, doch das ist ein gutes Zeichen. Ein letztes Mal nehme ich auch die zwei Ying und Yang-Kugeln in die Hand, die mir Cone als Glücksbringer mitgegeben hat (Ying und Yang = Beine und Kopf). Dieses Ritual machte ich jeden Morgen und auch Lea und Vroni drehen die Kugeln in den Händen. Es sollte Glück bringen...
Die Staffel startet auf dem Hartplatz gleich vor unserer Unterkunft und ich sehe, dass Lea auch recht nervös ist. Der Startschuss fällt und Lea hält sich gleich vorne an die Spitze, das Rennen ist lanciert. Lea wurde ja erst am Vortag als Ersatzläuferin eingesetzt und deshalb ist ihre Leistung noch höher einzustufen. Sie läuft ein super Rennen und kann den Rückstand auf die favorisierten Schwedinnen und Norwegerinnen in Grenzen halten. Vroni verliert dann zwar am Anfang etwas Zeit, doch auf der zweiten Hälfte zeigt sie grosse Klasse und übergibt mir so als 4. mit einem Rückstand von 2'20 auf Schweden. 10.28.03, Start! Ich strecke Vroni die Hand entgegen und laufe los. Doch halt, wir haben uns ja gar nicht berührt! Im selben Moment ruft mir Vroni nach, dass wir uns nicht getroffen haben und somit renne ich die paar Meter zurück und wir klatschen uns mit einem Handschlag ab. Sicher ist sicher! Zum zweiten Posten habe ich die Finnin aufgeholt und in der Folge haben wir dieselben Posten. Wir laufen mit einem guten Tempo, denn in der Steigung zu Po 6 sehe ich vorne Schweden und Norwegen. Der Zusammenschluss folgt bei Po 7, das Rennen ist neu lanciert! Ich rufe mir unser Teamziel in Erinnerung, eine Medaille ist nun sehr realistisch. Auf den nächsten Posten merke ich, dass die Schwedin und Norwegerin unsere Pace nicht halten können und beim Überlauf ist nur noch die Finnin an meinen Fersen. Ich laufe zu meinem 10. Po, doch die Finnin läuft daran vorbei und bleibt dann etwas unsicher stehen. Ich versuche mich nicht ablenken zu lassen und konzentriere mich auf meine Bahn. In der Mulde zu Po 12 merke ich, dass ich jetzt vielleicht den entscheidenden Abstand geschaffen habe und ich überlege mir die Routenwahl zum nächsten Posten. Ich entscheide mich für die Route über den Hügel, sie scheint mir am sichersten. Ich höre nichts mehr von der Finnin und jetzt kommen natürlich Gedanken an den Sieg auf. Ich zwinge mich aber noch einmal zu höchster Konzentration, doch als ich zum letzten Posten auf die Wiese einbiege, kann ich meine Freude kaum mehr zurückhalten. Es folgt ein wunderschöner Zieleinlauf mit meinen Teamkolleginnen und das Wunder ist vollbracht: 4 x GOLD !!!
Karte Staffel
 
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Simone Niggli-Luder

17-fache OL-Weltmeisterin
Weltcup Finnland,
Foto: Brigitte Wolf
Simone Niggli-Luder
ist Botschafterin von

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simone@simoneniggli.ch